Geschichte und Entwicklung

Rhein in der Steinzeit
Aufgrund von archäologischen und historischen Forschungen rekonstruierte Situation um 400 n. Chr.

Die Geschichte von Stein am Rhein ist von Beginn weg geprägt durch seine Lage am Fluss. Bereits im 5. Jahrtausend v. Chr. war die Gegend am linken Rheinufer von Bauern und Fischern bewohnt. An der Wende zur neuen Zeitrechnung drangen die Römer in dieses Gebiet vor. Im benachbarten Eschenz TG entstand in der Folge ein grösserer Markt- und Umschlagplatz. Bedingt durch die zunehmenden Alemanneneinfälle, errichteten die Römer kurz vor 300 das Kastell Tasgetium auf dem Hügel des heutigen linksrheinischen Ortsteils Vor der Brugg . Diese Festung war durch eine Steinbrücke mit dem Nordufer verbunden, welches damals noch praktisch unbesiedelt war.

römische Jagdschale
Römische Jagdschale, 3. Jahrhundert, Fundort südlich der Kirche Burg, jetzt Museum Allerheiligen Schaffhausen

Nach dem Rückzug der Römer besiedelten Alemannen Kastell und Umgebung. Im 6. Jahrhundert entstand an derselben Stelle die Kirche St. Johann, die wegen ihrer Lage innerhalb der Kastellmauern "auf Burg" genannt wird. Bedingt durch die zahlreichen in der Gegend des Kastells - später auch rechts des Rheins - getätigten Funde zählt die Region Stein am Rhein zu den archäologisch bedeutendsten Orten Europas.

Kloster und Kirche anno 1741
Kloster und Kirche nach dem Stich von David Herrliberger, 1741.

Massgebend für die Entwicklung der eigentlichen (am rechten Rheinufer gelegenen) Stadt war ihre verkehrsgünstige Lage am Kreuzungspunkt einer frequentierten Wasserstrasse und einer wichtigen Landstrasse. Einen Impuls zur positiven Entwicklung von Stein am Rhein zum Handesplatz war die wohl gegen das Jahr 1007 erfolgte Verlegung durch König Heinrich II des Benediktinerkloster St. Georgen von Hohentwiel (Singen, Deutschland) hierher und seine umfangreiche Ausstattung mit Besitz und Rechten, darunter das Markt- und Münzrecht.
In der Folge wandelte sich die Siedlung rasch vom Fischer- und Bauerndorf zum Warenumschlag-, Stapel- und Handelsplatz. Die ersten Schutzvögte der wachsenden Stadt, zugleich auch Inhaber der Zollrechte und der Gerichtsbarkeit, waren möglicherweise die Herzöge von Zähringen; ihnen folgten die Freiherren von Klingen, die der Burg ihren Namen gaben. Vom 11. bis 14. Jahrhundert entwickelte sich Stein am Rhein zu einer kleinen, blühenden Markt- und Handelsstadt mit starken handwerklichen und ländlichen Zügen. In dieser Zeit bildeten sich auch die ersten städtischen Verfassungsstrukturen heraus.

Burg Hohenklingen anno 1773
Die Burg, dargestellt im Plan der Herrschaft Stein am Rhein von J. Vetter, 1773

Im Jahr 1457 gelang es der Stadt in einem Kraftakt sondergleichen, den stark verschuldeten Burgvögten ihre sämtlichen Rechte und ihren ganzen Besitz in und um Stein am Rhein abzukaufen. Angesichts der österreichischen Bedrohung schloss die nunmehr reichsfreie Stadt nur zwei Jahre später mit Schaffhausen und Zürich ein Schutz- und Trutzbündnis ab und schaffte so teilweise den Anschluss an die Eidgenossenschaft. Danach geriet sie aber mehr und mehr unter die Oberhoheit des mächtigen Zürichs, das seine Nordgrenze am Rhein sichern wollte. Durch die Reformation und Aufhebung des Klosters, dessen Besitzungen fortan Zürich verwaltete, verstärkte sich diese Bindung. Die Bestrebungen von Stein am Rhein, sich durch die Erwerbung von Herrschaften (1457/1468 Vor der Brugg, 1539 Ramsen, 1575 Wagenhausen und Umgebung) zur Stadtrepublik mit Untertanenland zu entwickeln, verliefen erfolglos. Trotzdem konnte die Stadt ihre Stellung als Handelsort und Marktzentrum einer ausgedehnten Region halten.

Schanzenanlage um 1662
Stein am Rhein um 1662, umgeben von seiner Schanzenanlage, nach dem Plan von J.J. Mentzinger

Erste Krisen setzten im 17. Jahrhundert ein und brachen nie mehr ganz ab. Streitigkeiten um gewisse Hoheitsrechte mit dem thurgauischen Landvogt und Zürich einerseits sowie Einbussen im Handelswesen zugunsten von Schaffhausen und Konstanz anderseits beeinträchtigten teilweise die Entwicklung der Stadt.

Schanzenanlage um 1662
Stein am Rhein um 1662, umgeben seiner
Schanzenanlage; nach dem Plan von J.J. Mentzinger.

Mit dem Zusammenbruch der Alten Eidgenossenschaft 1798 wandelte sich die Lage grundlegend zum Schlechten. Das 1803 dem Kanton Schaffhausen zugeteilte Stein am Rhein verlor fast schlagartig seine lukrativen herrschaftlichen Rechte. Es war vor allem der Verlust des Grossen Zolls, der seine Stellung als Handels- und Marktplatz beeinträchtigte. Doch auch andere Faktoren arbeiteten gegen die Steiner. Der grossräumige Warentransport verlagerte sich damals immer mehr auf andere Verkehrsmittel und -achsen. Zudem gelang Stein am Rhein der Anschluss an die Eisenbahn nicht rechtzeitig. Er kam erst 1875 (Winterthur) und 1895 (Schaffhausen) zustande.
Auch erste Bemühungen um die Ansiedlung von Industriebetrieben hatten wenig Erfolg. Diese Situation stellte die Stadt vor schwere wirtschaftliche Probleme. Erst der zweiten Unternehmergeneration, die sich (noch) im Bereich der Wasserkraftvorkommen im Osten der Stadt ansiedelte, gelang im letzten Viertel des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Durchbruch. Diese Unternehmen bestehen heute grösstenteils noch.
In diese Zeit des Wiederaufschwungs fallen auch die Anfänge des Tourismus, der indessen durch die Weltkriege wieder zum Erliegen kam. Erst in den fünfziger Jahren lebte er wieder auf und entwickelte sich zu dem, was er heute darstellt, nämlich zu einem bedeutenden wirtschaftlichen Faktor.

Schuhfabrik Henke & Cie
Die Schuhfabrik Henke & Cie bestand von 1885 bis 1973; heute steht an ihrer Stelle das Hotel Chlosterhof; Briefkopf der Firma Henke um 1920.

Einen weiteren schweren ökonomischen Rückschlag erlitt die Stadt 1920 mit dem Konkurs der Spar- und Leihkasse Stein am Rhein. Betroffen waren Kleinsparer wie auch Unternehmer. Die Folge davon waren Auswanderung und der Wegzug finanzkräftiger Familien. Zur Erholung trug die Entstehung neuer Handwerker- und Industriebetriebe sowie die Blüte der Schuhfabrik Henke, des weitaus grössten Unternehmens der Stadt. Sie halfen auch, die Zeit der Kriege und Depression zu überwinden.


Luftaufnahme der Industriebetriebe im Degerfeld aus dem Jahr 1998.

Heute zählt die Stadt neben dem Tourismus eine ganze Reihe florierender Industriebetriebe, darunter einige namhafte High-Tech-Betriebe, die sich seit den Siebziger Jahren vor allem südlich des Rheins angesiedelt haben. Durch das Angebot von guten Standortbedingungen wird die Wirtschaft auch in neuester Zeit gezielt gefördert
Der allgemeinen Entwicklung entsprechend hat sich das Antlitz der Gemeinde in den letzten vierzig Jahren gewandelt. Im Zentrum steht nach wie vor der authentische Altstadtkern, dessen einst imposante Befestigungen und eines der Stadttore noch vor 1850 den Ansprüchen des "neuen" Verkehrs gewichen sind. An den Hängen des Klingen und später links des Rheines sind grössere Wohnquartiere mit ziemlich geschlossenem Einfamilienhaus-Charakter entstanden. Sie sind das Produkt der Bauordnung von 1955, eines Musterbeispiels an Kürze, Einfachheit und Wirksamkeit. Zudem ist in neuester Zeit im südlich des Rheins gelegenen Degerfeld ein modernes Gewerbe- und Industrieviertel entstanden, welches jedoch das Ortsbild des alten Stein am Rhein nicht beeinträchtigt.