Bombardierung vom 22. Februar 1945

Tod aus der Luft

Am 22. Februar 1945 wurde Stein am Rhein irrtümlicherweise bombardiert. Vier Frauen und fünf Kinder wurden dabei getötet und 15 Personen schwer verletzt.

An diesem Donnerstag herrschte in Stein am Rhein schönes Winterwetter, kein Nebel trübte den Tag. Wie an so manchem Kriegstag eilten die Kinder zur Schule und begaben sich einige Bauern auf die Felder, ein paar ältere Frauen in die Reben und die Arbeiter in die Schuhfabrik Henke oder Metallwarenfabrik Herfeld. Die wehrfähigen Männer waren im Dienst. Trotz einschneidender Restriktionen spielte sich das Leben an diesem Tag des siebten Kriegsjahres so schlecht und recht ab.

An die Bomberangriffe in der deutschen Nachbarschaft hatte man sich gewöhnt wie an die zahlreichen Fliegeralarme, die stets ohne Folgen blieben. Wiederholt überflogen Bomber Stein am Rhein. Nicht weniger als 150 Mal waren bis dahin die Sirenen im Städtchen schon ertönt. Nie war etwas geschehen, und die Steiner Bevölkerung wähnte sich in Sicherheit. Zudem glaubte man sich durch die auf Hausdächern und Flossen im Rhein gross gemalten Schweizerkreuze geschützt. Für alle hatte es ohnehin nicht genügend Plätze in den meist behelfsmässigen Schutzräumen gehabt.


Der Kommandoposten wurde nach dem Krieg praktisch so belassen, wie er war, und ist heute ein kleines Museum, das auf Anfrage zugänglich ist. Foto: Dieter Füllemann, 2004.

 

Luftschutz

Eine sehr wichtige Rolle bei der Erstversorgung nach der Katastrophe spielte der lokale Luftschutz, die Vorgängerorganisation des Zivilschutzes, der in seiner heutigen Form seit 1951 besteht und nicht militärisch organisiert war. Er setzte sich aus Dienstuntauglichen und Freiwilligen - darunter auch Frauen - zusammen, die aufgrund ihrer Uniform ab 1937 die „Blauen" genannt wurden. Ihre Aufgaben bestanden in Bau und Organisation von Schutzräumen, der Fliegerbeobachtung und Alarmierung sowie der Ersthilfe im Katastrophenfall.

Nach der Bombardierung musste die Steiner Luftschutzangehhörigen die Toten bergen, die Verletzten erstversorgen und gegebenenfalls ihren Transport ins nächste Spital vornehmen die beschädigten Gebäude sichern und die Obdachlosen unterbringen, was angesichts der damals herrschenden Wohnungsnot eine grosse Herausforderung darstellte.

Der Kommandoposten befand sich unter dem Hof des Bürgerasyls und stand seit 1941 zur Verfügung. Von hier aus wurden alle Massnahmen geleitet.

Die Zeit bleibt stehen

Am Morgen des 22. Februar hatte das Sirenengeheul schon zweimal die Luft zerrissen, indes ohne Konsequenzen. Ein drittes Mal ertönte der Alarm um 12 Uhr 18. Wenige Minuten später erschien ein amerikanischer Bomber des Typs B (B stand schon damals für Bomber) 17, „fliegende Festung" genannt wegen seiner zahlreichen Geschütztürmen, über dem Klingenberg. Das Flugzeug steuerte in grosser Höhe, etwa 5'000 m, Richtung Städtchen, über dem es sich seiner zwölf 250 kg schweren Bomben entlud. Man muss fast von Glück im Unglück sprechen, dass es Spreng- und nicht Brandbomben waren. Um 12 Uhr 35 fiel die tödliche Last auf Stein, Zeit zu der die Uhr des Untertors, das einen Volltreffer erhielt, stehenblieb.

Innert kürzester Zeit hatte sich der freundliche Wintertag in einen der schwärzesten Tag der Geschichte von Stein am Rhein gewandelt. Nicht einmal die Stadtbrände von 1668, 1806 und 1863 hatten soviele Todesopfer gefordert. Zu den neun Toten beklagte man 33 Verletzte, 54 Obdachlose sowie die Zerstörung von 6 Wohnhäusern und 232 Gebäudeschäden.


Untertor und umgliegende Häuser sind ein Bild der Zerstörung. Foto: Hermann Henke, 1945.

Kein Schutz durch Schweizerkreuze

In seinem Rapport berichtet der Kommandant des Bombers, Oberleutnant L. A. Lenox, er habe an diesem Tag zu dieser Zeit Ebingen bombardiert. Dabei hätte er drei Dächer und quadratische Gebilde von 18 x 18 m (wohl die Flosse) mit grossen weissen Kreuzen gesehen. Dazu bemerkt er beinahe naiv: „What are they?" - Tatsächlich wussten viele amerikanische Piloten nicht, wie die Schweizerflagge aussieht, weshalb es ebenso naiv war von schweizerischer Seite zu glauben, diese Zeichen würden Schutz gewähren.

Wie kam es zu dieser fatalen Verwechslung zwischen Ebingen, das in Luftlinie rund 65 km nordnordöstlich von Stein am Rhein liegt, mit jenem zu verwechseln? Diese Aktion erfolgte im Rahmen der Endphase der massiven allierten Bombenangriffe, die zum Ziel hatten, den Angriff auf Rhein und Deutschland vorzubereiten. Am 22. Februar 1945 fand eine Luftgrossoffensive statt, die u. a. auch Ziele im südlicheren Nachbarland hatte. Allerdings wurde der sorgfältig geplante Fliegerraid durch teilweise unvorhersehbare Schwierigkeiten wie Verspätungen in Start und Formation der Verbände - es waren 7'000 Flugzeuge im Einsatz - sowie schlechte Witterungsverhältnisse und Fehlern in der Orientierung erheblich gestört. Das führte zu Verirrungen und individuellen Aktionen der Piloten, die vom Ziel abgekommen waren, und „irgendwo" ihre tödliche Last abwarfen, um ihren Ausgangspunkt wieder erreichen zu können. Solche Verirrungen können wir uns heute kaum vorstellen. Jetzt ist indes bekannt, dass die Technologie dieser Flugzeuge zur Kurs­- und Ortsbestimmung bei schlechtem Wetter oft versagte.

Filmwochenschau

Die Schweizer Filmwochenschau brachte einen Filmbericht über das tragische Ereignis und doppelte wenig später mit einem zweiten nach. Die Wochenschau wurde 1939 durch Bundesbeschluss ins Leben gerufen. Sie hatte eine doppelte Funktion: Sie setzte einen Gegenakzent zur erdrückenden Präsenz von ausländischen Wochenschauen - vor allem aus dem nationalsozialistischen Deutschland - und schloss die durch den Wegfall der französischen Wochenschau entstandene empfindliche Lücke.

Der Film zeigt das ganze Ausmass der Schäden und die einsetzenden Aufräumarbeiten. Anderseits erhält man auch Einblick in erschütternde Schicksale: das in den Trümmern liegende aufgeschlagene Schulheft einer getöteten Schülerin; der verlassene Mittagstisch in einem getroffenen Haus mit herumliegenden Gläsern, Flaschen und halbleer gegessenen Tellern, den geschockten, weinenden Hausbewohner, der seine Frau verloren hat.

Grabmal

Noch heute erinnert das Grabmal auf dem Stadtfriedhof an die neun Todesopfer (vier Frauen, vier Mädchen und ein Junge). Das schlichte Grabmal wurde vom Bildhauer Walter Knecht gestaltet. Ein Modell davon wurde zunächst im Schaufenster des Hauses Rosenegg (heutige Stadtbibliothek) gezeigt. Es gefiel so gut, dass der Auftrag im August 1945 an den Bildhauer zur Ausführung vergeben wurde. Die Grabanlage war im Sommer 1946 fertig gestellt.


Grabmal für die Bombardierungsopfer. Foto: Roman Sigg, 2015.

Weiterführende Literatur