Rubrik: Aus den Medien

«Man kann hier lokal und global arbeiten» - Kulturbeauftragte Elisabeth Schraut (SHN 10.01.2015)

Sie ist verantwortlich für alle Kultureinrichtungen der Windler-Stiftung: Elisabeth Schraut.Bild Edith Fritschi Bild Edith Fritschi

Sie ist verantwortlich für alle Kultureinrichtungen der Windler-Stiftung: Elisabeth Schraut.

Mit der Kultur auf Du und Du steht Elisabeth Schraut schon seit Jahrzehnten. Jetzt hat sie die Leitung der Kulturinstitutionen der Windler-Stiftung übernommen und wird die Entstehung des Steiner Kulturhauses intensiv begleiten.

von Edith Fritschi

Adieu la France, hiess es für Elisabeth Schraut im Oktober. Fünf Jahre lang hat sie das Goethe-Institut in Nancy mit seiner Aussenstelle Strassburg geleitet und die Institution in Ostfrankreich profiliert. «Ich war sehr gut vernetzt und hatte viele, auch politische Drähte», sagt sie. Sie hat Ausstellungen, Vorträge, Filme und Autorenlesungen organisiert, den Sprachkursbetrieb und die Bibliothek ausgebaut, Tagungen in Zusammenarbeit mit der Université de Lorraine vorbereitet und geschaut, dass die deutsche Sprache und Kultur in Frankreich eine Rolle spielen und präsent sind.

Das ist eine Erfolgsgeschichte. Denn das Goethe-Institut in Nancy ist neben Lyon das zweitgrösste nach Paris und äusserst rührig. Trotz der fruchtbaren Arbeit dort hat sich Schraut entschieden, noch einmal etwas Neues anzufangen: in Stein am Rhein, wo sie im Auftrag der Jakob-und-Emma-Windler-Stiftung das geplante Kulturhaus auf die Schiene bringen wird. Gleichzeitig leitet sie das Museum Lindwurm und ist seit Jahresbeginn auch für das Künstlerstipendium Chretzeturm verantwortlich. Und da gibt es einiges zu tun. «Ich freue mich sehr, dass ich hier arbeiten kann», sagt Schraut, die mit ihrem Mann in Radolfzell wohnt. «Ich hatte immer Heimweh nach dem See.»

Ein bewegtes Berufsleben
Schraut hat in Konstanz und Wien Geschichte und Germanistik studiert, und die Bodenseeregion hat ihr immer gefallen, auch wenn es sie danach aus beruflichen Gründen wegzog. Ihre erste Stelle war am Kulturhistorischen Museum in Braunschweig, wo sie für die riesige Ausstellung «Stadt im Wandel» arbeiten und sich sehr grosse Objektkenntnisse aneignen konnte. «Die Schau war ein Riesenerfolg», erinnert sie sich. «Wir hatten in drei Monaten rund 450 000 Besucher, und die Leute standen morgens schon Schlange.» Dann ging es weiter nach Schwäbisch-Hall, wo sie mehr als fünf Jahre kulturhistorische Ausstellungen und Besucherprogramme konzipierte, Kataloge herausgab und den Museumsbetrieb aus dem Effeff kennenlernte. Nächste Station war das Kulturreferat der Stadt Karlsruhe, wo Schraut für internationalen Kulturaustausch zuständig war und 2009 etwa das Festival «Iran» auf die Beine stellte. «Das war mit das Spannendste, was ich gemacht habe», sagt sie. Vor allem auch deshalb, weil sie sich da auf ganz neues Terrain begeben konnte. Schon damals arbeitete sie grenzüberschreitend und war öfter in Frankreich, weshalb der Weg zum Goethe-Institut nicht mehr allzu weit war. Jetzt aber, nach fünf spannenden und erfolgreichen Jahren in Karlsruhe, will sie in Stein am Rhein Spuren setzen. «Ich war jedes Jahr mindestens einmal in der Gegend und habe Stein und das Museum Lindwurm besucht. Ich finde, es ist ein wunderbares Haus», schwärmt sie. Dabei habe sie sich immer vorgestellt, wie schön es wäre, in dieser Stadt zu arbeiten.

Die Schweiz von innen kennenlernen
Und siehe da, aus dem Wunsch wurde Wirklichkeit. Nachdem sie sich auf die ausgeschriebene Stelle der Windler-Stiftung beworben hatte und ausgewählt worden war, konnte sie Anfang November ihr Büro im Bürgerasyl beziehen, direkt neben dem Stadtarchiv. Da ist die passionierte Historikerin sicherlich nicht schlecht platziert. Elisabeth Schraut ist überzeugt, dass die Stelle als Kulturverantwortliche für die Windler-Stiftung bestens zu ihr passt. «Man kann lokal und global arbeiten, und das finde ich wunderbar.» Es war auch ihr Wunsch, nach der Tätigkeit im französischen Nancy nochmals in einem anderen Land zu arbeiten und dieses von innen kennenzulernen. «Das kann ich nun in der Schweiz», freut sie sich. Ihre vordringliche Aufgabe wird es sein, das geplante Kulturhausprojekt intensiv zu begleiten und zu überlegen, wie das Haus für die verschiedenen Bedürfnisse ausgestattet werden soll. Weiter gilt es, die Raumaufteilung zu konzipieren und nicht zuletzt die einzelnen Gruppen und Institutionen zu vernetzen, die dort künftig ein Domizil haben sollen. Nun ist sie dabei, alle möglichen Ansprechpartner zu kontaktieren und ihre Wünsche zu erfassen.

Angebot sinnvoll ergänzen
«Ich habe auch schon ein Wirtshausschild aus der ‹Oberen Stube› gerettet», sagt Schraut und zeigt stolz auf eine alte Tafel, an der noch Spinnweben hängen. Das Stück hat sie bei ihrem Rundgang durch das Haus gefunden, das zum Kulturzentrum umgebaut werden soll, und nun in ihrem Büro aufgestellt. Schraut ist täglich in ihrem Büro anzutreffen, wo sie Pläne wälzt und nach und nach die Leute kennenlernt, mit denen sie künftig zu tun haben wird. Sie will das Kulturhaus nicht isoliert von den anderen kulturellen Institutionen planen. «Denn wir haben das Museum Lindwurm hier, die Künstlerwohnung Chretzeturm und das Kloster St. Georgen und zahlreiche Vereins- aktivitäten», sagt sie. «Da ist es sinnvoll zu schauen, wie sich diese Institutionen ergänzen können». Aber sie ist sich bewusst, dass man nicht alles aufs Mal machen kann. Sie wird schauen, was man für den Kino- und den Beizenbetrieb im Kulturhaus benötigt, welche Räume sich zum Ausstellen eignen und welche Infrastruktur dafür nötig ist. Und sollten jetzt die Restaurantbesitzer alarmiert sein, weil es im Kulturhaus auch eine kleine Beiz geben wird, dann beruhigt Schraut: «Wir wollen und werden keinesfalls eine Konkurrenz für die Beizen hier sein. Der Gastbetrieb wird nur sehr klein sein und vor allem für Leute, die nach einer Veranstaltung etwas trinken oder ein Kleinigkeit essen wollen.» Den Kinobetrieb wird, wie bisher, die Gruppe sicherstellen, die auch das Programm im «Schwanen» macht. Doch bis dahin wird noch viel Wasser den Rhein hinunterfliessen. Denn das Bauprojekt ist erst eingereicht. Und bis das Kulturhaus fertig ist und in Betrieb genommen werden kann, dürften noch mindestens zwei Jahre vergehen. «Das Ganze ist sicher eine grosse Herausforderung», sagt Schraut. Aber man spürt, dass sie viel Spass an der Aufgabe hat und diese mit Elan anpackt. Und sie ist bei vielen kulturellen Veranstaltungen vor Ort. «Es geht dabei aber nicht nur um meinen Beruf, sondern auch um mein Hobby», sagt sie und lacht.

«Ich freue mich, dass ich hier arbeiten kann. Ich hatte Heimweh nach dem See.»

«Wir wollen und werden keinesfalls eine Konkurrenz für die Beizen hier sein.»

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